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Ein Leben wie
im Film

Als 17-Jähriger verlässt Karl Lämmle 1884 Oberschwaben und wandert aus in die USA. 50 Jahre später ist Carl Laemmle ein legendärer Hollywood-Produzent und Boss eines internationalen Filmkonzerns. Nach seinem Tod 1939 droht er immer mehr in Vergessenheit zu geraten, obwohl er Unvergessliches geschaffen hat. Carl Laemmle gründet die Universal Studios und macht Hollywood zur Traumfabrik. Unter seiner Ägide entstehen Filme und Figuren, die sich ins Gedächtnis einbrennen wie „Dracula“ oder „Die Mumie“. Er setzt als Marketinggenie und Global Player Maßstäbe. Und er rettet zahlreichen Menschen das Leben.

Uncle Carl persönlich:

Ein Visionär und Zocker, international orientiert und dabei voller Liebe für seine alte oberschwäbische Heimat, knallhart als Geschäftsmann und mitfühlend gegenüber Bedürftigen, arbeitsbesessen und gewieft, er liebt Millionenprojekte und bremst bei Star-Gehältern, ein Patriarch und großzügiger Spender: Carl Laemmle ist eine vielschichtige Persönlichkeit. Viele Verwandte, Freunde und Bekannte aus Deutschland bringt „Uncle Carl“ in den verschiedensten Jobs bei Universal in Hollywood unter. Eine Dynastie begründet der Familienmensch allerdings nicht (Foto: Carl Laemmle im Kreis der Familie, 1928).

„It can be done!“
Die Karriere

Carl Laemmles Aufstieg vom Laufburschen zu einem der erfolgreichsten Macher der Kinobranche ist der Realität gewordene amerikanische Traum. Mit dem Kapital, das er in der Textilbranche verdient hat, steigt er 1906 ins Kinogeschäft ein: Zuerst kauft er Lichtspieltheater, dann macht er seinen Filmverleih zum größten in Nordamerika, und schließlich lässt er selbst Filme drehen. Nun gibt es keine Grenzen mehr für Laemmle. Uncle Carl wird der Hollywood-Patriarch. Als Präsident der von ihm mitgegründeten Gesellschaft Universal Pictures macht er Stars, dreht und verkauft weltweit Filme. Sein Slogan: „It can be done!“

Sweet home
Laupheim

Seinem Heimatort Laupheim (Foto: historisches Foto aus den 1920er Jahren), in dem er am 17. Januar 1867 geboren wurde, und seinen dort lebenden Angehörigen bleibt Carl Laemmle zeitlebens eng verbunden. Er besucht die Kleinstadt regelmäßig mit großer Entourage, gründet eine Armenstiftung, spendet für Bedürftige und Bauten. Laupheim macht ihn dafür zum Ehrenbürger und widmet ihm eine Straße. Die Dankbarkeit endet jedoch 1933, als die Laemmle-Straße nach einem Nationalsozialisten umbenannt wird. Die Erinnerung an Carl Laemmle wird in Laupheim lange nicht gepflegt. Noch sein 100. Geburtstag bleibt offiziell unerwähnt. Heute trägt das Gymnasium der Stadt seinen Namen, und er hat im Museum zur Geschichte von Christen und Juden seinen Platz.

Der Erfinder
von Hollywood

Laemmle ist zwar nicht der erste, der in Los Angeles Filme dreht. Aber er macht Hollywood groß. 1914 kauft er dort die Taylor Ranch im San Fernando Valley und gründet Universal City: ein gigantisches Studio mit Zoo, eigener Polizei und Bürgermeisterin – und Indianern, die auf dem Gelände leben. Die zweitägige Eröffnung von Universal City 1915 inszeniert Carl Laemmle als Großereignis mit 10.000 Zuschauern. Durch die Jahrzehnte bis heute werden Kinohits in dem riesigen Studio mit Vergnügungspark gedreht, etwa „King Kong“, „Psycho“, „Jurassic Parc“ und „Spider Man“.

Das Prinzip Filmstar

Hollywood bedeutet Superstars - wegen Carl Laemmle. Er greift nicht nur die Idee auf, die zuvor kaum bekannten Namen von Schauspielern in seinen Filmen zu nennen. Sondern er baut sie auch gezielt zu Berühmtheiten auf. Durch Spekulationen über eine Entführung und ihren angeblichen Tod wird Florence Lawrence zum ersten Filmstar Amerikas. Es folgen Namen wie Mary Pickford, Lon Chaney, Boris Karloff und Bela Lugosi (auf dem Foto: Mae West). Mit genialen Werbeaktionen wie einem Katzencasting für „The Black Cat“ pusht Laemmle seine Filme. Doch viele Stars krönen ihre Karriere erst bei anderen Studios, weil Laemmle nicht bereit ist, die rasant steigenden Gagen zu zahlen. Die Geister, die er rief…

Rund 10.000 Filme und Serienfolgen lässt der Patriarch drehen. Er ist der Schöpfer des Studiobetriebs. Die Ankündigung „Carl Laemmle presents…“ steht gleichermaßen für Massenware wie für Großproduktionen und Kinoklassiker. Der Westernfan bringt in den 1920er Jahren billige Cowboyreihen vom Fließband auf den Markt, aber auch qualitätvolle Streifen. Wagemutig sind die Dreharbeiten für „S.O.S. Eisberg“ in Grönland. Filme wie „Der Glöckner von Notre Dame“ (1923) und „Im Westen nichts Neues“ 1930 (Szenenfoto) gelten als Meilensteine.

Im Westen nichts Neues

Mit Propagandafilmen hat Carl Laemmle nach dem Kriegseintritt der USA 1917 seinen Teil zum Bild vom Deutschen als barbarischen Hunnen beigetragen. Die Verfilmung des Antikriegsromans „Im Westen nichts Neues“ 1930 ist deshalb auch als Versöhnungsgeste an Deutschland gedacht. Das misslingt gründlich. Während Kinobesucher in den USA, Großbritannien und Frankreich mit der Darstellung des Kriegsgegners sympathisieren, wird Laemmle in Deutschland vor allem in nationalkonservativen Kreisen für den Film gehasst. Das von seinem Sohn produzierte Meisterwerk bedeutet aber zugleich die Krönung der Karriere Carl Laemmles: Es wird zum Kassenknüller, und er bekommt dafür den Oscar.

1930 bekommt Carl Laemmle den Oscar für „Im Westen nichts Neues“ aus den Händen von Louis B. Mayer.

Frankenstein
forever

Universal etabliert den Horrorfilm. Wer an Frankensteins Monster denkt, sieht noch heut Boris Karloff vor dem inneren Auge. Durch Neuauflagen, Parodien, Comics und Gruselartikel bleiben etliche Figuren lebendig, die in der Ära Laemmle aus der Gruft auf die Leinwand kamen. Die Ästhetik von Regisseuren wie Paul Leni wird stilbildend. Von Werken wie „Dracula“ und „Frankenstein“ (beide 1931) entstehen unzählige Remakes und Fortsetzungen. Auch „Die Mumie“ wird immer wieder aufs Neue ausgewickelt. Dabei ist Uncle Carl kein Horror-Freund, aber er lässt seinem Sohn Carl Laemmle jr. für die Produktionen freie Hand.

Kampf gegen den
Branchengiganten

Nach einigen Erfolgen und Pleiten als Geschäftsmann erkennt Carl Laemmle das Potential der neuen Kinobranche: 1906 kauft er in Chicago erste Nickelodeon Theater. Um mehr Filme in seinen Kinos zeigen zu können, produziert er sie selbst. Seinen Erfolg trotzt er einem mächtigen Gegner ab: dem weltberühmten Erfinder Thomas Alva Edison. Laemmles Kampf mit dem Monopolisten „Motion Pictures Patent Company“, der für die Nutzung von Edisons Patenten auf Kameras und Projektoren Lizenzgebühren verlangt, wird mit 289 Prozessen ausgetragen – und handgreiflich: Laemmles Filmcrews fliehen deshalb 1910/11 vorübergehend nach Kuba (Foto: Magazintitel über die Dreharbeiten). Edison hasst ihn, seine Beschimpfungen sind in etlichen Briefen dokumentiert.

Gruselklassiker: Dracula, Frankenstein, der Glöckner, das Phantom der Oper, die Mumie.

Der Global Player

Deutschland, England, Italien, Frankreich, Spanien, Japan, Argentinien, Indien, China – für Carl Laemmle ist Film ein internationales Geschäft. Bereits 1912 eröffnet er ein Büro in Berlin. 1934 hat Universal 120 Filialen in aller Welt. Jedes Jahr reist Laemmle mehrere Monate durch Europa, um Geschäftsbeziehungen zu knüpfen. Filme wie „Dracula“ werden in zwei Sprachen produziert – buchstäblich Tag und Nacht: Tagsüber ist die englische Crew im Studio, nachts dreht das spanische Team. Andere Streifen erscheinen in mehreren Schnittfassungen, um die Zuschauer in verschiedenen Ländern nicht zu verprellen.

Der erzwungene
Abschied vom Business

Das Filmgeschäft wird ab Mitte der 1920er Jahre unkalkulierbar: Das Drehen von Tonfilmen, die technische Entwicklung und die immer opulenteren Produktionen fressen immer mehr Kapital – das wiederum in Zeiten der Weltwirtschaftskrise immer schwerer zu beschaffen ist. Obwohl Universal mehrfach Millionenverluste schreibt, retten erfolgreiche Filme das Unternehmen. Doch 1936 setzt Carl Laemmle seine Firmenanteile für einen kurzfristigen Kredit aufs Spiel – und verliert. Da er das Darlehen nicht rechtzeitig an einen Investor zurückzahlen kann, muss er verkaufen (Foto: Laemmles Abschiedsbotschaft). Die Summe von rund vier Millionen Dollar macht ihn allerdings zu einem reichen Mann.

Das Filialnetz von Carl Laemmles Universal wuchs und erstreckte sich auf alle Kontinente.
Carl Laemmle presents „Dracula” aus dem Jahr 1931
Carlos Laemmle presenta „Parece que fue ayer”, 1933
Japanisches Plakat von „Frankensteins Braut”, 1935
Die deutsche Version von „King of Jazz“, 1930

Der Lebensretter

Sandy Einstein ist ein erfolgreicher Popmusik-Manager – und er sagt: „Ohne Carl Laemmle würde es mich nicht geben.“ Laemmle hatte Sandys Vater Hermann, wie zahlreichen anderen Juden, während der NS-Zeit die Ausreise in die USA ermöglicht. Laemmle gab dafür hunderte Bürgschaftserklärungen ab. Sandy Einstein bezeichnet ihn, „abgesehen von meinen Eltern, als wichtigste Person in meinem Leben. Wenn Carl Laemmle meinen Vater nicht gerettet hätte, wäre der wohl in Riga ermordet worden wie seine Schwester Nelly.“ Sandy arbeitet an einem Dokumentarfilm über Carl Laemmle und die Rettungsmission dessen letzter Jahre.

Laemmle und
das Judentum

Carl Laemmle stammt aus einer einfachen jüdischen Familie und vergisst seine Wurzeln nie. In den 1920er Jahren lässt er in Berlin mit dem Kantor der Laupheimer Synagoge liturgische Gesänge aufnehmen. In den USA steht er in Kontakt mit jüdischen Vereinigungen. Die drohende Gefahr für die europäischen Juden erkennt er früh, warnt bereits 1932 vor Hitler. Nach dem Ende seiner Universal-Präsidentschaft 1936 widmet Laemmle seine Kraft, Zeit und Beziehungen der Mission, möglichst vielen Juden die Ausreise aus Deutschland zu ermöglichen. Doch den US-Behörden ist die Zahl der von ihm ausgestellten Affidavits (Bürgschaftserklärungen, Foto) zu hoch. So überredet Laemmle andere, die Papiere zu unterschreiben.

Hermann Einstein wurde von Carl Laemmle gerettet.
Sein Sohn Sandy ist ein erfolgreicher Musikmanager.
Fotonachweise: NBC Universal, Museum zur Geschichte von Christen und Juden Laupheim.
Haus der Geschichte Baden-Württemberg, Deutsche Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen, Sandy Einstein